Die Haymarket Riot in Chicago
- 22. Apr. 2019
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Aktualisiert: vor 7 Tagen
Am 1. Mai 1886 demonstrieren 80.000 Arbeiter in Chicago für die Verkürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden. Zwei Tage später stirbt ein Arbeiter bei Auseinandersetzungen mit der Polizei und drei Tage später, am 4. Mai 1886, explodiert auf einer Kundgebung am Haymarket eine Bombe und tötet sieben Polizisten. Der Bombenanschlag und der nachfolgende Schusswechsel verletzte zudem Dutzende Polizisten und Demonstranten schwer.

Wer hat die Tat begangen? Um diese Frage geht es in meinem neuen Krimi "Mit Müh und Not". Das erste Kapitel, das es hier als Leseprobe gibt, schildert den Ablauf der sogenannten Haymarket Riot, die auch als Haymarket Affair und Haymarket Massaker bekannt ist.
Eines gleich vorweg: Der Begriff Haymarket Massaker wird oft falsch verstanden. Bei dem Bombenanschlag wurde kein Massaker an Arbeitern verübt, sondern an Polizisten. Sieben Polizisten starben durch schwere Verletzungen, die ihnen entweder durch Bombensplitter oder durch den anschließenden Schusswechsel im Dunkeln zugefügt wurden. Wie viele Polizisten dabei von Kugeln ihrer Kollegen getroffen wurden, konnte nie klar nachgewiesen werden, ebenso ob es Tote unter den Kundgebungsteilnehmern gab. Am Tatort gab es zumindest keine Leichen von Arbeitern.
Zunächst einmal eine Timeline der wichtigsten Ereignisse rund um die Haymarket Riot:
1. Mai 1886: Großstreiks für den Achtstundentag
In Chicago demonstrieren rund 80.000 Arbeiter für bessere Arbeitsbedingungen und die Einführung des Achtstundentags. Landesweit beteiligen sich Hunderttausende an Streiks.
3. Mai 1886: Zusammenstoß bei der McCormick-Fabrik
Bei einer Streikaktion kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Polizei. Ein Arbeiter wird erschossen, mehrere verletzt. Die Empörung in der Arbeiterschaft wächst.
4. Mai 1886 (Abend): Kundgebung am Haymarket Square
Eine zunächst friedliche Versammlung protestiert gegen die Polizeigewalt des Vortages. Alle Redner sind Anarchisten: August Spies, Albert Parsons und Samuel Fielden.
4 . Mai 1886 (später Abend): Der Bombenwurf
Als die Polizei zu später Stunde die Versammlung auflösen will, wird eine Bombe in ihre Reihen geworfen. Es folgen Schüsse und Chaos. Ein Polizist, der in Deutschland geborene Mathias Degan, stirbt sofort, sechs weitere Polizisten in den folgenden Tagen und Wochen. Der Täter wird nie eindeutig identifiziert, vieles deutet jedoch auf den deutsche Anarchisten Rudolph Schnaubelt hin, der aus der Stadt floh, nachdem er kurz von der Polizei verhört worden war.
1886–1887: Ermittlungen und Gerichtsprozess gegen acht Anarchisten
Acht Anarchisten werden wegen angeklagt – trotz fehlender direkter Beweise für ihre Beteiligung am eigentlichen Bombenwurf. Alle hatten jedoch zuvor wiederholt in Rede und Schrift die Arbeiter aufgefordert, sich zu bewaffnen, u.a. Dynamit. Die Staatsanwaltschaft manipuliert geschickt Beweislage und Zeugen und die Verteidigung agierte ungeschickt. Vier Angeklagte werden am 11. November 1887 hingerichtet, einer, der wahrscheinliche Bombenbauer Louis Lingg, begeht Selbstmord in seiner Zelle, drei erhalten lange Haftstrafen.
1893: Begnadigung
Der Gouverneur von Illinois, John Peter Altgeld, begnadigt die überlebenden Verurteilten und kritisiert das Verfahren als unfair und politisch motiviert.
Warum ist die Haymarket Riot für die Geschichte der Arbeiterklasse und des 1. Mai von Bedeutung?
August Spies, Albert Parsons, der sich auf Anraten der Verteidigung zu Prozessbeginn gestellt hatte, Samuel Fielden, Michael Schwab, George Engel, Adolph Fischer und Louis Lingg wurden am 20. August 1886 nach einem (aus heutiger Sicht) haarsträubenden Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Oscar Neebe, ein ebenfalls angeklagter Anarchist, erhielt eine Gefängnisstrafe von fünfzehn Jahren. Keinem der Verurteilten konnte eine Beteiligung an der Ausführung des Bombenwurfes nachgewiesen werden. Es war vielmehr offensichtlich, dass es darum ging, eine bedrohlich werdende Gefahr für die Herrschaft des Kapitals ein für alle Male aus dem Weg zu schaffen. Dies wurde auch im Plädoyer von Staatsanwalt Julius Grinnell deutlich: »Die Anarchie steht vor Gericht. Diese Männer wurden ausgewählt und angeklagt, weil sie Führer waren. Sie sind nicht mehr schuldig als die Tausenden, die ihnen folgen. Meine Herren Geschworenen, verurteilen Sie diese Männer, statuieren Sie ein Exempel an ihnen, hängen Sie sie und retten Sie unsere Einrichtungen, unsere Gesellschaft.«
Die Verurteilten waren tatsächlich das Rückgrat der Arbeiterbewegung in Chicago: die fähigsten Organisatoren, die besten Redner, die Herausgeber der radikalsten Publikationen – ihre Gegner hatten lange auf die Gelegenheit gewartet, sie auszuschalten. Im Nachhinein wurde bekannt, dass genau diese Gegner schon bei der Formulierung der ersten Anklageschrift vom 5. Mai ihre Finger im Spiel hatten und dort eine angebliche Verschwörung ins Spiel brachten. Und sie stellten 100.000 Dollar zur Bekämpfung von Anarchie und Aufruhr zur Verfügung, die zum Teil für die Bezahlung von Detektiven der Agentur Pinkerton und anderen Informanten sowie zur Bestechung von Zeugen verwendet wurden. Zum Beispiel wurde dem Ehepaar Seliger aus diesen Mitteln eine Heimkehr nach Deutschland ermöglicht.
Die Beweislage gegen Louis Lingg war schwerwiegend, er war sehr wahrscheinlich der Bombenbauer. Georg Engel und Adolph Fischer wurde vorgeworfen, den Anschlag geplant zu haben. August Spies, Albert Parsons, Samuel Fielden und Michael Schwab sollen davon gewusst und u.a. den Ort der Kundgebung gezielt ausgewählt haben. Die entsprechenden Zeugenaussagen waren jedoch sehr widersprüchlich. Die Beweise gegen Oscar Neebe waren am schwächsten, deshalb wurde er als Einziger nicht zum Tode verurteilt.
Alle Bemühungen, das Urteil in höheren Instanzen oder durch eine Bestimmung des Gouverneurs in Haftstrafen umzuwandeln, schlugen fehl. August Spies, Albert Parsons, Georg Engel und Adolph Fischer starben am 11. November 1887 am Galgen. Die Hinrichtung war stümperhaft, den Gehängten brach nach dem Öffnen der Fallklappen nicht wie üblich das Genick, sondern sie erstickten qualvoll im Laufe mehrerer Minuten. Louis Lingg bestimmte seinen Todeszeitpunkt selbst und ließ am Tag zuvor eine eingeschmuggelte Dynamitkapsel in seinem Mund explodieren. Es dauerte Stunden, bis er seinen Verletzungen erlag. Samuel Fielden und Michael Schwab stellten Gnadengesuche und ihre Todesstrafen wurden in lebenslange Gefängnisstrafen umgewandelt. Die anderen Verurteilten hatten sich geweigert, Gnadengesuche an den Gouverneur zu richten. Mehr als 200.000 Menschen säumten zwei Tage nach der Hinrichtung die Straßen Chicagos, um den Trauerzug mit den Särgen der Hingerichteten zu sehen.

Dieses Denkmal für die zu Unrecht verurteilten Arbeiterführer befindet sich in unmittelbarer Nähe ihrer Gräber auf dem Forrest Home Cemetery bei Chicago.
Allgemein wird vermutet, dass Rudolph Schnaubelt, der Schwager von Michael Schwab, der Bombenwerfer bzw. an dem Anschlag maßgeblich beteiligt war. Er flüchtete kurz nach dem Anschlag nach Kanada und lebte eine Weile bei Indianern. Anschließend arbeitete er auf einer Farm in Quebec und verdiente sich das nötige Geld für die Überfahrt nach England. Von dort ging er schließlich nach Argentinien und wurde ein erfolgreicher Hersteller von landwirtschaftlichem Gerät. Seine Flucht galt vielen als Eingeständnis seiner Schuld.
Die Inhaftierten Fielden, Schwab und Neebe wurden 1893 durch den neu gewählten Gouverneur von Illinois, John Peter Altgeld, begnadigt. Nach eingehender Prüfung bezeichnete der in Deutschland geborene Jurist Altgeld den Prozess gegen die acht Anarchisten als unrechtmäßig. Altgeld war sich sehr wohl bewusst, dass er mit dieser Entscheidung politischen Selbstmord beging. Wie von ihm selbst erwartet, wurde er tatsächlich nicht im Amt bestätigt.
Lucy Parsons überlebte ihren 1887 hingerichteten Mann Albert um 53 Jahre und setzte den Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeiter bis zu ihrem Tode fort. Unzählige Male wurde sie verhaftet oder beim Halten von Reden in der Öffentlichkeit behindert. Als sie 1941 starb, beschlagnahmte die Polizei in Chicago alle ihre Bücher und Papiere und ließ diese verschwinden. Polizei und Kapital hatten nicht vergessen, dass es Albert und Lucy Parsons waren, die am 1. Mai 1886, drei Tage vor der Haymarket Riot, an der Spitze der ersten Maidemonstration marschierten, an der 80.000 Menschen auf der Michigan Avenue in Chicago teilnahmen und für die Einführung des Achtstundentages demonstrierten. Damit war der internationale Kampftag der Arbeiterklasse geboren, den es in den USA allerdings schon im Jahr nach Lucy Parsons’ Tod nicht mehr gab. Die Kommunistische Partei der USA verzichtete während des Zweiten Weltkrieges auf alle Proteste und Streiks. Eine Wiederbelebung nach dem Krieg wurde durch Verbote unterbunden.
Wo genau fand die Haymarket Riot statt?
Die Haymarket Riot fand nicht auf dem Haymarket in Chicago, der praktisch eine Verbreiterung der Randolph Street war, sondern in dessen unmittelbarer Nähe statt. Die Kundgebung sollte ursprünglich, wie auf den Flugblättern angekündigt, auf dem Haymarket stattfinden, jedoch wurde sie kurzerhand in die Desplaines Street am südlichen Ende des Haymarket verlegt, da dort ein Lastenwagen stand, den die Redner als Tribüne nutzen konnten. Heute ist die Stelle aufgrund dieses Denkmals leicht zu finden:

Das Haymarket-Riot-Denkmal in Chicago befindet sich genau an der Stelle, wo während der Kundgebung am Haymarket Square der Wagen mit den Rednern Albert Parsons, August Spies und Samuel Fielden gestanden hatte.
FAQ
Wie viele Menschen starben in der Haymarket Riot?
Durch die Explosion der Bombe und den anschließenden Schusswechsel starben sieben Polizisten und drei Demonstranten. Zudem gab es Dutzende Verletzte auf beiden Seiten, zum Teil mit sehr schweren Verwundungen. Ein Polizist starb ein Jahr nach der Haymarket Riot an den Folgen seiner Verletzungen. Ob es später verstorbene Demonstranten gab, ist nicht bekannt.
Wo befindet sich das Haymarket-Riot-Denkmal in Chicago?
Die Adresse ist 151-169 N Desplaines St, Chicago, IL 60661. Man kann in wenigen Minuten vom Stadtzentrum aus sowohl mit der Red Line als auch mit der Green Line der Hochbahn dorthin gelangen. Die Station an der man aussteigen muss, heißt Clinton. Von dort sind es rund 300 Meter Fußweg.
Warum wird die Haymarket Riot mitunter auch als Haymarket Affair bezeichnet?
Die beiden Begriffe sind unmittelbar miteinander verbunden: Die Haymarket Riot sind genau genommen die Ereignisse am Abend des 4. Mai 1886, und die Haymarket Affair sind die darauf folgenden einseitig geführten polizeiliche Ermittlungen, das politisch motivierte Gerichtsverfahren und der anschließende Justizmord.
Gibt es deutsche Sachbücher zur Haymarket Riot?
Ja, besonders empfehlenswert ist das Buch "August Spies. Ein hessischer Sozialrevolutionär in Amerika. Opfer der Tragödie auf dem Chicagoer Haymarket 1886/87" von Heinrich Nuhn.
Wurde der Haymarket-Bombenwerfer je gefunden?
Nein. Einige der Angeklagten kannten wohl seine Identität, gaben sie aber nicht preis. Manche Historiker glauben, dass der geflüchtete Rudolph Schnaubelt der Täter war. Jedoch hat der Historiker Paul Avrich, dessen englischsprachiges Sachbuch "The Haymarket Tragedy" ganz hervorragend ist, in einem Zeitungsartikel davon berichtet, einen Brief von der Tochter des wahren Bombenwerfers erhalten zu haben. Dieser Version bediene ich mich auch in meinem Krimi "Mit Müh und Not".
Und zu guter Letzt noch eine Video-Zusammenfassung der Haymarket Riot (auf Englisch):



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